Erinnerung an K. – Frank Degelow – Malerei



„Der Chronist, welcher die Ereignisse hererzählt, ohne große und kleine zu unterscheiden, trägt damit der Wahrheit Rechnung, dass nichts was sich jemals ereignet hat, für die Geschichte verloren zu geben ist.“ …“Das wahre Bild der Vergangenheit huscht vorbei. Nur als Bild, das auf Nimmerwiedersehen im Augenblick seiner Erkennbarkeit eben aufblitzt, ist die Vergangenheit festzuhalten.“ So formuliert Walter Benjamin „Über den Begriff der Geschichte“ Erinnerung. (Walter Benjamin Gesammelte Schriften I 2, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1974, S. 694/695)

Erinnerungen an K.
Die Literaturbeflissenen mögen beim Lesen dieses Titels an jenen amtlich bestellten Landvermesser denken, für den es keine tatsächliche Aufgabe mehr gab, keinen Flecken mehr, der zu vermessen wäre und keine menschenfreundliche Nähe, weil alles unter einem befremdlichen Patronat angepasste, demütige Abkehr verbreitete. „ … Wir brauchen keinen Landvermesser, Du bist ein Fremder, die Grenzen unseres Dorfes sind abgesteckt … „ (Franz Kafka, Roman „Das Schloß“ – Wirtin, Vorsteher, Lehrer)
Hält man sich an die Bilder, um derentwegen wir uns hier versammelt haben, so ist, in anderem Zusammenhang, die Analogie zum Romanfragment „Das Schloß“ von Franz Kafka nicht ganz abwegig. Die Blicke, gelenkt von eher schürfender Begründung, agieren in einer topographischen Brache, wo prononcierte Reste Schicksale ahnen lassen. Die Werke als Genesis von Denk-Malen, herausgefiltert aus der Erosion der Zeit? Das Kürzel indessen steht für den sprichwörtlich vom Wasser umströmten Ort Kirchmöser westlich vor Brandenburg, umgeben von einem Seenkranz und tangiert vom Elbe-Havel-Kanal einerseits sowie der eiszeitlichen Hochplatte Karow andererseits. Märkisches Wasser und märkischer Sand, seit 1847 von Berlin aus erreichbar mit der Eisenbahn. Der 1. Weltkrieg fügte der dörflichen Idylle eine Königlich-Preußische Pulverfabrik an. Während der Weimarer Republik entstanden gewaltige Bahnanlagen, gefertigt wurden zunächst Lokomotiven und Waggons und später dann im Dritten Reich – Panzer! Die ostdeutsche Vergangenheit dokumentiert ein Panzerreparaturwerk, ein Reichsbahnausbesserungswerk, einen Betriebsteil des Stahl- und Walzwerkes Brandenburg und ein Gelände der Nationalen Volksarmee. Die Silhouette des zivilen baulichen Zentrums prägen immer noch ein Hochbunker, ein Wasserturm, eine Dorfkirche und die denkmalgeschützten Werkssiedlungen der industriellen Gründerzeit. Derzeit arbeitet man, sozusagen systemübergreifend, an der Beseitigung von 285.000 Tonnen belastetem Erdreich – als Hinterlassenschaft eines einzigen Jahrhunderts auf kleinstem Grund und Boden!

Auch das Erinnern des Malers schöpft aus einem offenbar hitzigen, vielleicht sogar anarchischen Gedächtnisspeicher, für dessen bildhafte Anschaulichkeit er gewissermaßen ein Mixtum compositum archäologischer und alchemistischer Regungen zur Hand hat. So bedacht gleicht sein Gemütsstau bisweilen wohl eher einem temperamentsgeladenen Konverter, einem Schmelztiegel demnach, dessen feurige Gedankenfülle erst auf der groben Leinwand zu erkalten scheint. Was die Außenstehenden zu sehen bekommen ist immer auch eine Rechenschaft, die er sich selbst schuldet – um im eigenen Denken und Handeln sich jener Orte und Begebenheiten zu entsinnen, deren alltägliche Beiläufigkeit zur Minderung latenter Selbsttäuschung dienlich ist. Ja, ich kann von einer Verwandlung sprechen, denn der Maler zeigt ein merkwürdiges Gelände, Untiefen wie Erhabenheit, in denen jeder seine Orientierung dann finden kann, wenn er die gedankliche Rückbesinnung zugleich als ein künstlerisches Wagnis empfindet, nämlich den Gedankenprozess mit seiner Art von Gestaltwechsel voranzutreiben. Der geschieht in einer Zeit des Wartens solange, bis die gesetzten Materialien ihre eigene Expressivität entfalten. Der Blick des Malers in die Vergangenheit gibt sich ihm zu erkennen als ein Einblick in die Eruption und Erosion der Geschichte, der lokalen vor allem. Diesen Lauf zu unterbrechen ist der augenscheinlich tiefe Wille des Künstlers, der sich aus seinem Inneren als Alchimist empfindet. Der Begriff „Alchemie“ kommt aus dem Altägyptischen und symbolisiert Schwarz. Mit Bezug auf die Schaffensvorgänge, von denen seine Werke hinreichend künden, ist es nicht falsch, den Maler auch als einen demonstrativen Umwandler zu verstehen, hin vom Warmen zum Kalten, vom Feuchten zum Trockenen, vom Festen zum – Granulat. Natürlich bewegt sich das schöpferisch Tun von Frank Degelow in der Quaternität der Urelemente Erde, Wasser, Luft und Feuer. Mir kommt im Anschein seiner Bilder das mittelalterliche Opus Magnum in den Sinn, als ein farbiges Wechselspiel von Entkörperung und Verkörperung zugleich: in den erdigen Vermischungen des Schwarzen, des Weißen, des Gelben, des Roten … Das Organische wird auf seine Quelle zurückgeführt. Die Dinge bleiben, nur anders. Wenn sich Sauerstoff mit einem Element, zum Beispiel mit Eisen verbindet, so nennt man das Oxydation. Die Farbe „Englisch Rot“ heißt „Caput mortuum“ oder der Dramatik wegen – „Pompejanisch Rot“. Und ebendaher präsentiert er seine Seele im Barometer solcher substantiellen Wirklichkeit. Symbole auch für das in der Materie verborgene physische Selbst?

Hin und wider habe ich gehört oder gelesen, Frank Degelow sei ein Maler der ungegenständlichen Form. Ich gebe zu, dass ich damit wenig anfangen kann. Form ist Form – und den märkischen Sand, mit dem er auch arbeitet, kann sich niemand realistischer, also gegenständlicher vorstellen. Schrott ist ein Ausdruck der Vernachlässigung. Der Maler nimmt sich seiner an. Ob aus Mitgefühl oder Heimweh wäre eine mögliche Frage, die ich nicht beantworten kann. Wer indessen seine schrundigen und collagierten Malgründe auf sich wirken lässt, registriert ein ganzes Arsenal abseitiger, von ihm selbst malfähig veränderter Rohstoffe. Ich könnte mir denken, dass der im Nachkriegsjahr 1919 vor Ort in Kirchmöser vernichtete Sprengstoff der Pulverfabrik eine friedfertigere Gegenreaktion, gewissermaßen als Motivation, angeregt hat. Aber das ist nur meine Mutmaßung, mehr nicht.
Am 5. Dezember sendet die freie.kunst@gmx.de an ulrich.kavka@freenet.de folgende Nachricht:
… wie läuft’s denn so? ist dir schon was zu diesem alten verqueren alchimisten und seinen machwerken eingefallen? …
Meine Absicht, Ihnen diese persönlichste Kommunikation vorzutragen, geschieht nicht mit dem Verweis auf die abwertende Unterstapelung. Vielmehr möchte ich mich auf das denunzierte Wort „Machwerk“, quasi als Echolot auf das Schaffen von Frank Degelow, einlassen. Denn die Synonyme dafür sind allesamt ehrenwert: Erzeugnis, Fabrikat, Gebilde, Produkt, Werk. Ich habe keine Mühe den hier gezeigten Bildern jedes dieser Worte zuzuordnen, denn: „Erzeugnis“ bedeutet Arbeit und Schöpfung. „Fabrikat“ bedeutet: Gegenstand und Schutzmarke. „Gebilde“ bedeutet: Form und Gestalt. „Produkt“ bedeutet: Resultat und Manufakt. Und „Werk“ schließlich bedeutet: Wirken und Antrieb. Diese Litanei einigt nach meiner Meinung ein grundsätzliches künstlerisches Selbstverständnis des Malers Frank Degelow, nämlich das der Wiederbelebung. Folglich etwas scheinbar Nebensächliches ins Leben zurückzubringen. Diese Art von Rekonstruktion und Auferstehung ist auch eine staunenswerte Renaissance.

„ …Man darf sich nicht durch Enttäuschungen abschrecken lassen … Vielleicht entspricht der Schein tatsächlich der Wirklichkeit … Es scheint ja manches darauf eingerichtet abzuschrecken … Aber merken Sie auf, es ergeben sich dann doch wieder Gelegenheiten, die mit der Gesamtlage fast nicht übereistimmen, Gelegenheiten, bei welchem durch ein Wort, durch einen Blick, durch ein Zeichen des Vertrauens mehr erreicht werden kann, als durch lebenslange, auszehrende Bemühungen. Gewiß, so ist es … (Franz Kafka Das Schloß, Fischer Taschenbücher, Frankfurt am Main, 1992, S.326)

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit, herzlichen Dank.

Ulrich Kavka
Kunstwissenschaftler










Kenotaph – Frank Degelow – Malerei



"Man kann nicht mehr erreichen als das, was gerade da ist." sagte Frank. Es war 12:45 Uhr an einem grauen Mittwoch im Januar. Wir saßen vor seinem Bild "Erinnerungen an K.". Jetzt war es fertig. Es war mein erster Besuch in seinem Atelier. "Man weiß ja nie so richtig, wann etwas fertig ist" hat er gesagt, als ich gekommen bin. Das war gegen 11 Uhr. Fertig - dieses Wort kommt von fahren und bedeutet ursprünglich fahrtbereit. Wann ist ein Bild fahrtbereit? Und fahrtbereit wohin eigentlich? Was war notwendig dafür, dass es in Erscheinung treten konnte? Dafür, dass es - wenn überhaupt - von einer vagen Vorstellung, ja, von einer vielleicht nur unbestimmten, aber doch irgendwie vehementen Empfindung in diese einzigartige Form der Sichtbarkeit überführt werden konnte? Und dafür, dass es nun so und nicht anders aussieht? Dafür, dass das Stadium, in dem seine Werke zu sehen sind, als das letzte ihrer Entstehung von ihrem Schöpfer anerkannt worden ist? Mein Blick wandert in den Raum, in dem sein neues Bild auf einer Staffelei steht. Schon die Wände dieses Raumes sind Bilder: Sie zeigen die Geschichte von Generationen, die vor Frank Degelow hier gewohnt haben. Er bezieht sie ein, die Spuren der Unbekannten, die - wie jetzt er - auch hier zu Gast gewesen sind für einen Teil ihres Lebens. Er findet sich ein in dem, was er vor- und mit dem, was er aufgefunden hat. Was er findet, ist nicht mehr das, was es einmal war: Auf dem Fensterbrett steht eine Vase mit alten Sonnenblumen und einem Lotosblütenfruchtstand. Neben dem Tierschädel zeigt er mir ein Glas voller kleiner schwarzer Gestalten: Pilze sollen das sein. Oder gewesen sein. Auf die Holztischplatte in der Küche schüttet er eine Sammlung kleiner, flach gedrückter, brauner, rundlicher Gebilde: Kronkorken, die keine Kronkorken mehr sind. Was ist es, das er da findet und aufbewahrt, wenn es keine Blüten, Pilze und Kronkorken mehr sind? Was bedeuten solche Fundstücke für Frank Degelow? Ist es der Reiz der Formen, der Reiz der Geschichte, der Zeit? Ihrer Endlich- oder Unendlichkeit? Ihrer Vergänglichkeit oder ihres Überdauerns und ihrer Wandelbarkeit - sichtbar in den natürlichen Verformungen auch unorganischer Gestalten? Frank zeigt mir zwei seiner (wie er sagt) realistischen Zeichnungen und erzählt mir die Geschichte von diesen Äpfeln. Zuerst erklärt er mir, was ein Winter in den Bergen bedeutet, "wo du" sagt er "nicht mal die Gipfel siehst!". Dort lebte er lange und vergaß, dass es auch noch andere Jahreszeiten gibt, so scheinbar endlos dauerten Schnee und Kälte. Bis mildere Temperaturen unter der weißen Decke freilegten, was lange verschüttet war: Kleine dunkle, faltige Äpfel aus dem vergangenen Jahr. Da kehrten seine Lebensgeister zurück: Nämlich beim Anblick dessen, was einmal gelebt hat. Frank Degelow findet und lebt mit Dingen, die einmal gelebt haben und nennt eine Ausstellung seiner Bilder "KENOTAPH". Ein Kenotaph ist ein Schein-, ein Erinnerungsgrab, ein Grabmal für jemanden, der nicht aufgefunden und also auch gar nicht bestattet worden ist. Sind also seine Bilder Erinnerungsbilder an etwas oder an jemanden, das oder den oder die er nicht aufgefunden hat und in dessen oder deren Stellvertretung er möglicherweise all diese Gestalten entdeckt und bewahrt - Gestalten, die ihr Leben gelebt haben und die sich von ihrem Leben haben formen lassen und die nicht begraben worden sind? Sollten seine Bilder der Versuch sein, etwas zu begraben? Oder sind sie vielmehr der Versuch, etwas wiederzubeleben, was schließlich noch gar nicht begraben worden ist? Oder ist seine Arbeit an den Bildern genau das, was Erinnern bedeutet: nämlich Innewerden. Er-innern. Innewerden dessen, was gewesen ist und was ist und was bleiben wird. Auf dem Farbentisch von Frank Degelow liegt Schrott zwischen Gläsern mit verschiedenen Erden und Emulsionen: rostige Eisenteile und andere Fundstücke: Er zermörsert ihre groben Formen zu feinem Pulver und benutzt das, was vormals Schrott gewesen ist, schließlich als Pigment. Fundstücke werden Farbstoffe. Mit ihnen experimentiert Frank Degelow nicht nur an, sondern auch mit dem, was er darzustellen sucht: Zum Beispiel märkischen Sand. Er malt jedoch so wenig wie möglich. Er malt nicht mit seinen gefundenen Erden, sondern er schüttet sie und seine Emulsionen - wie Wetter über Land - auf altes, rohes Leinen und gibt dem Zufall - ähnlich der Naturgewalt - fast freien Lauf. Nach solchem Guss lässt er das flächige Gewebe erst einmal trocken und betrachtet, was passiert. Dann gießt er weiter oder schüttet oder klebt zu schön gewordene Stellen mit Fetzen zu, mit Fetzen aus Papier, aus Pappe oder auch mit Fotos aus der Zeit, in der er etwas sucht. Und Schicht um Schicht wächst eine Landschaft, die immer mehr die seine wird und schließlich ist. Dann nämlich ist es seine Landschaft, wenn er - wie mitten im Januar und mitten in Leipzig - jetzt und hier in einem dieser langen, heißen Sommer steht, als Kind, barfuß mitten im märkischen Sand. "Wenn die Empfindungen sich wieder einstellen." hat er gesagt. Und damit war das Bild fertig. (Das war, wie gesagt, um 12:45 Uhr.) Wenn das, was da ist, was "gespeichert", was unter dem Vergessen bewahrt geblieben ist, wenn das die Gegenwart betritt und als Erinnerung, als ein Gedächtnis neu ersteht, dann hat - anstelle eines Grabmals - das Bild erreicht, was es erreichen kann. Dann ist es fahrtbereit. Zu Ihnen! (Und er sucht auch etwas.)

Susanne Werdin
Malerin/Grafikerin
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